Pressemitteilung No. 12/04efg

30.01.12 14:05

Gemeinsam mit der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE)   
                                                                                                   
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„Neue Herausforderungen für das Zeugnis der Kirchen in Europa“
Treffen des gemeinsamen Komitees CCEE-KEK in Genf

Der Gemeinsame Ausschuss der Konferenz Europäischer Kirchen und des Rats der Europäischen Bischofskonferenzen hat die Notwendigkeit eines gemeinsamen Zeugnisses der Christen und Christinnen zur Bewältigung der neuen geistlichen, demografischen, politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen unterstrichen, vor denen der europäische Kontinent heute steht.

Auf seiner Tagung vom 26.-28. Januar 2012 in Genf wies der Ausschuss ausserdem auf die Notwendigkeit hin, Mitglieder von Gemeinden und Ortskirchen zu unterstützen, die von solchen Entwicklungen betroffen sind.

Die diesjährige Tagung beging den 40. Jahrestag der Gründung des Gemeinsamen Ausschusses, der das höchste Organ für den Dialog zwischen der KEK und dem CCEE ist und jedes Jahr tagt.

In seinen einleitenden Worten beschrieb der Präsident der KEK, Metropolit Emmanuel von Frankreich, die jetzige Wirtschaftskrise als eins der Probleme, „die Fragen stellen an die Fähigkeit Europas, eine nachhaltige Politik für die Europäische Union zu schaffen“. Eine solche Politik müsste gleichzeitig die Menschenwürde, die Umwelt und die kulturelle Vielfalt achten.

Der  Präsident des CCEE, Kardinal Péter Erdő aus Ungarn, bemerkte, dass die Tagung am Ende der weltweit begangenen Gebetswoche für die Einheit der Christen (18.-25. Januar 2012) stattfand.

Er beschrieb das ökumenische Engagement als eine  Notwendigkeit, an der sich alle Christen und Christinnen beteiligen müssten statt nur Aufgabe einiger weniger Experten zu sein. „Die Katholische Kirche ist diesem Weg der Ökumene verpflichtet“, sagte er.

Arbeit für die Ökumene sei nicht nur ein menschliches Bemühen, sondern auch ein geistlicher Auftrag, der auf die Gebete aller Christen angewiesen sei in der Gewissheit, dass sichtbare Einheit eine Gabe Gottes ist, sagte Kardinal Erdő. Er sprach von der neuen Evangelisation, die in den letzten Jahren die Bemühungen der katholischen Gläubigen bestimmt hat. Dies könnte, wie der Kardinal sagte, nicht geschehen ohne in eine ökumenische Dimension eingebunden zu sein.

In einem Referat zum Hauptthema der Tagung beschrieb Dr. Alister McGrath, Theologieprofessor am King’s College London, die Entwicklung einer säkularen oder „atheistischen“ Position in Europa. Religion wird als eine private Angelegenheit betrachtet, die sich nicht auf den öffentlichen Raum auswirken sollte. Eine säkulare Position wird fälschlicherweise für eine neutrale Position gehalten.

Religiöse Institutionen seien in einen allgemeinen Verdacht gegenüber Institutionen wie Regierungen, Banken und Konzernen geraten „aufgrund ihrer Macht, mangelnden Transparenz, Eigeninteressen und finanziellen Rücksichtslosigkeit“. Wenngleich es ein weit verbreitetes Interesse an „Spiritualität“ gibt, wird dies als etwas Persönliches und Individuelles angesehen und nicht notwendigerweise mit Zugehörigkeit zu einer Institution in Verbindung gebracht.

Darüber hinaus mussten die Kirchen reagieren auf eine nach den Angriffen vom 1. September 2001 verbreitete Besorgnis, dass Religion Extremismus fördere. Sie mussten, wie Dr. McGrath sagte, Möglichkeiten finden, mit ihren Angeboten sowohl als historische als auch als zeitgenössische Stimmen der Mässigung gesehen zu werden, „die in der Lage waren, soziales Kapital zu schaffen, Toleranz und vor allem Denkweisen zu fördern, die Fanatismus vermeiden“.

Der „neue Atheismus“ in einigen Teilen Europas hat, wie er feststellte, gleichzeitig ein ungeheures öffentliches Interesse an der Gottesfrage entstehen lassen. Hier haben die  Kirchen eine Gelegenheit, sich an der intellektuellen Debatte zu beteiligen und den christlichen Glauben als eine Kraft zum Guten in der Gesellschaft darzustellen.

Professor Gian Carlo Blangiardo, Dozent für Demografie an der Bicocca-Universität von Mailand, konzentrierte sich auf die demografischen Herausforderungen, vor denen die Kirchen und die Gesellschaft stehen. Er stellte ein beträchtliches Absinken der Geburtenrate in europäischen Ländern in Verbindung mit einer alternden Bevölkerung fest. Solche Entwicklungen stellen die europäischen Wohlfahrtssysteme vor erhebliche Herausforderungen. Gleichzeitig führen demografische Veränderungen zu neuen Formen des Familienlebens. Wie Professor Blangiardo sagte, sind die Heiratsraten in den letzten vierzig Jahren fast überall gesunken, während eine zunehmende Zahl von Kindern ausserhalb der Ehe geboren wird. Auf diesem Hintergrund forderte er die Kirchen dazu auf, nach Wegen zur Stärkung der Familie zu suchen.

Neben der Erörterung stärkerer Trendentwicklungen in Europa befasste der Gemeinsame Ausschuss sich mit örtlichen und seelsorgerlichen Erfahrungen von Kirchen und mit  theologischen und praktischen Antworten auf die neuen Herausforderungen.

Pastorin Cordelia Kopsch aus Deutschland, eine Vizepräsidentin der KEK, wies darauf hin, dass die Kirchen an vielen Orten mit einem Rückgang der Mitglieder und der Finanzen konfrontiert sind. Gleichzeitig bemühen sie sich um Lösungen für eine spirituelle Krise, die Finanz- und Wirtschaftskrise und Veränderungen in der Gesellschaft, wie eine zunehmende Zahl von Migranten und der Notwendigkeit eines verstärkten interreligiösen Dialogs.

Sie forderte die Kirchen dazu auf, „der Versuchung zu widerstehen, sich mit ihrer Präsenz aus dem öffentlichen Raum zurückzuziehen, da es hier um die Glaubwürdigkeit ihres öffentlichen Zeugnisses geht.“

Mgr Matthias Heinrich, Weihbischof von Berlin, beschrieb, wie seine Diözese in einem weitgehend säkularen Umfeld versucht, die christliche Botschaft durch Wort und Tat zu vermitteln. Dies erfordere eine „innere Evangelisation“, um den Glauben der Christen innerhalb der Kirche zu stärken und sie zuzurüsten für die „äussere Evangelisation“ der umfassenderen Gesellschaft.

Eine evangelisierende Kirche müsse sich öffnen und sich nicht davor fürchten, in den öffentlichen Raum zu gehen. Eine solche Präsenz könne nur erreicht werden „durch das Zeugnis von Christen und Christinnen in ihrem Arbeits- und Lebensumfeld sowie durch die Präsenz der Kirche im öffentlichen Raum“. Die Kirche sollte Gelegenheiten nutzen wie Zusammenarbeit mit den säkularen Medien, präsent zu sein im Bildungs- und Kulturbereich und Wege zu finden, den christlichen Glauben durch diakonisches Handeln sichtbar zu machen – so Mgr Heinrich.

Very Rev. Rauno Pietarinen von der Orthodoxen Kirche Finnlands beschrieb die sich aus der jetzigen Wirtschafskrise ergebenden pastoralen Herausforderungen auf der Ortsebene. Hier habe die  Kirche die Aufgabe, Hoffnungen in Lebenssituationen einzubringen, die einzelnen Menschen als hoffnungslos erscheinen. Erzbischof  Józef  Michalik von Przemysl sprach von der ermutigenden Erfahrung bei der neuen Evangelisation in Polen. Es bestehe jedoch weiterhin die Notwendigkeit für eine beständige Präsenz von Christen und Christinnen  im öffentlichen Raum, und es gibt viele Bereiche, wo die Welt auf ein Zeugnis des Glaubensmuts wartet.

Während der dreitägigen Tagung hörte der Gemeinsame Ausschuss Berichte über die wirtschaftliche und politische Lage in Europa, die Arbeit von Kirchen mit den Roma und die zukünftige Zusammenarbeit im Dialog mit Muslimen in Europa.

Die Teilnehmenden besuchten das Ökumenische Zentrum in Genf, wo sie mit Vertretern und Vertreterinnen des Ökumenischen Rats, des Lutherischen Weltbunds und von ACT Alliance, dem internationalen mit den Kirchen verbundenen humanitären Netzwerk, zusammentrafen. Sie trafen sich auch mit Gliedern von Kirchen am Ort und wurden von Erzbischof Silvano Tomasi empfangen, dem Apostolischen Nuntius und Ständigen Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen und anderen Internationalen Organisationen in Genf.

Der Gemeinsame Ausschuss brachte seine Solidarität mit Christen und Christinnen zum Ausdruck, die sich schwierigen Situationen in anderen Teilen der Welt gegenübersehen, besonders im Mittleren Osten und vor allem in Ägypten und Syrien. Auch gab er seiner  Betroffenheit gegenüber den Opfern von Gewalt in Nigeria Ausdruck.

Teilnehmer an der Tagung des Gemeinsamen Komitees CCEE-KEK 2012:

KEK-MITGLIEDER
S.Em. Metropolit Emmanuel von Frankreich, ökumenisches Patriarchat, Präsident KEK
Bischof Christopher Hill, Kirche Englands, Vize-Präsident KEK
OKRin Pfarrerin Cordelia Kopsch, EKD United, Deutschland, Vize-Präsident KEK
S.Em. Metropolit Arsenios von Österreich, ökumenisches Patriarchat
Rev. Rauno Pietarinen, orthodoxe Kirche Finnlands
Dr. Joanna J. Matuszewska, Evangelisch-reformierte Kirche Polens
Pfarrerin Claire Sixt-Gateuille, Evangelisch-reformierte Kirche Frankreichs

Rev. Dr. Kaisamari Hintikka, Interim Direktor Kommission Kirche in Dialog KEK

CCEE-MITGLIEDER
S.Em. Kard. Péter Erdő, Erzbischof von Esztergom-Budapest, Präsident CCEE
S.E. Mgr. Józef Michalik, Erzbischof von Przemyśl, Vize-Präsident CCEE
S.E. Mgr. Vasile Bizau, Bischof von Maramures
S.E. Mgr. Matthias Heinrich, Weihbischof in Berlin
Mgr. Piotr Mazurkiewicz, Generalsekretär ComECE

Mons. Duarte da Cunha, Generalsekretär CCEE

St. Gallen / Genf 

Für weitere Informationen:
Generalsekretariat der KEK
Tel.: +41 22 791 6228
E-Mail: GenSecretariat@remove-mecec-kek.org

Generalsekretariat des CCEE
Mgr. Duarte da Cunha
Mobil: +41 791280189
E-Mail: media@remove-meccee.ch

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Die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) ist eine Gemeinschaft von 120 orthodoxen, protestantischen, anglikanischen und alt-katholischen Kirchen in allen Ländern des europäischen Kontinents sowie von 40 assoziierten Organisationen. Die KEK wurde 1959 gegründet und hat Büros in Genf, Brüssel und Straßburg.

Dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) gehören als Mitglieder die 33 derzeit in Europa bestehenden Bischofskonferenzen an, vertreten durch ihre jeweiligen Vorsitzenden, den Erzbischöfen von Luxemburg und des Fürstentums Monaco, von Zypern der Maroniten, der Bischof von Chişinău (Moldawien) und der Eparchien Bischof von Mukachevo. Vorsitzender des CCEE ist Kardinal Péter Erdő, Erzbischof von Esztergom-Budapest, Primat von Ungarn; die Stellvertretenden Vorsitzenden sind Kardinal Angelo Bagnasco, Erzbischof von Genua und S.E. Jósef Michalik, Erzbischof von Przemysl. Generalsekretär des CCEE ist Mgr. Duarte da Cunha. Sitz des Sekretariats ist St. Gallen (Schweiz).